Nein, Mama steht nicht vor der Tür und hat den Schlüssel vergessen. Den hat sie nämlich bewusst dagelassen, als sie abgereist ist – für drei Tage nach Stockholm. Und hier, kann man sich vorstellen, schlägt das Chaos hohe Wellen. Nein, stimmt auch nicht: Das Haus steht noch und drinnen sieht es auch noch recht manierlich aus, trotz des Herrenhaushaltes auf Zeit, in dem nun die jüngste Dame des Hauses die Hausherrin ist.

Gestern beim Shabbes wollte sie nun Mamas Part übernehmen und die Kerzen anzünden und hat sie sich dabei erstmal kräftig die Finger verbrannt. Kein Wunder: Mit drei Jahren ist sie auch noch etwas unbeholfen dabei, doch ehe ich’s mich versah, hatte sie auch schon die Streichhölzer an – und wieder aus! Ich sah nur die Folgen: Eine recht verdutzte Hannah mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Aber das Haus, Gott sei’s gedankt, getrommelt und gepfiffen, steht noch. Und auch sonst ist noch alles beim Alten.

Heute morgen hat sie dann das Heimweh übermannt, die Hannah – obwohl sie doch eigentlich zu hause war. Aber offensichtlich war es so, dass Papa ihr nicht mehr ausreichte. Sie bekniete mich: „Papa, können wir Oma singen?“ Papa überlegt: ‚Oma singen, Oma singen? Was meint sie?‘ Und stimmt an: „Husch, husch, husch die Eisenbahn, wer will mit zu Oma fahrn?“ Darauf Hannah: „Oma singen!!!!!!!!“ Mit einem Nachdruck in der Stimme, der eigentlich keinen Zweifel mehr aufkommen lassen sollte. Und ich grüble wieder. Da greift sie zum Telefon und schimpft: „Oma singen!!!!!!!!“ So, nach dem Motto ‚Ej, Alter, verstehst du nix?‘ „Aha!“, sagt Papa: „Oma ringen!“ Zu deutsch: Oma anrufen! Gesagt, getan: Papa ruft Oma an, aber keine Oma dran. Nur’n Opa. Hannah strahlend: „Opa!!!!?“ Kurze Pause, in der sie mich verschwörerisch fragt: „Kan wi abholen Oma?“ Und dann zu Opa: „Kan wi abholen dich? Und Oma auch? Papa, wir müssen fahren, Oma mit Opa abholen!!!“ Die wohnen bloss schlappe 600 Kilometer weg! Dann plappert sie noch ein bisschen weiter und sagt Tschüss zu Opa, nachdem auch die Jungsbande noch jeder seinen Lex ins Telefon geschnattert hat, Noah mehr geschwiegen als gesprochen…

Wenig später sagt Hannah: „Papa, kan wir Oma anrufen?“ Das neue Wort hatte sie sich eingeprägt, aber ich schaue trotzdem ungläubig und denke: ‚Hatten wir das nicht eben gerade?‘ „Oma mit Hund!?“, betont sie. Aha, die andere Oma. Gesagt, getan, nur am Telefon ist nicht Oma, nicht mal der Hund, sondern Onkel Schorschi! Dem schlägt sie auch vor, dass wir ihn doch abholen kommen könnten und natürlich die Oma und den Hund. Schorschi freut sich über das unerwartete Stimmchen am Telefon und sagt aber ab, weil die Oma in Dresden sei und er auf ihrem Dach, er habe zu tun. Damit war auch das Thema beendet. Und es scheint, als hätte sich Hannah dann den Rest des Tages damit abgefunden, dass heute weder Oma mit Opa noch Oma mit Hund abgeholt werden könnten. So hart kann das Leben sein.

Das Telefon hatte an diesem Samstag sowie so ’ne bedeutende Rolle: Am Abend nämlich klingelte es. Mama ruft an aus Knüppelholm, ähh: Stockholm. Und wie das so ist, sind natürlich alle Kinder nach ganzen vierundzwanzig Stunden ohne Mutter wie Vollwaisen und reissen sich um das Ding, das vorgibt, Mama zu sein. Nein, eine Blumenvase geht dabei nicht zu Bruch – hamwa sowas überhaupt, mal nachdenken… Nein, sie berichten ihr das aktuelle Tagesgeschehen: Jacob, der 9jährige Dänemarkfan, teilt ihr mit, er hätte ein Buch angefangen zu schreiben, das den schönen Titel Der goldene dänische Prinz trägt. Das Blatt, auf dem der Name des Buches steht, das Titelblatt also, sei schon fertig. Er reicht den Hörer dem fast 8jährigen Yoram. Der sagt: „Mama, ich habe heute ein Buch angefangen zu schreiben, Die Igelmutter, und ich habe schon zwei Seiten geschrieben.“ (Á 1 Satz, Anmerkung vom Daddy). Danach ist Noah, fast 6, dran: „Mama, ich werde auch ein Buch schreiben!“ Und Hannah, fast 4, brüllt wie üblich quer über den Tisch: „Jag med!!!!!!!!“ Ich auch!

Man sollte sich die Namen merken: Vielleicht die Manns des 21. Jahrhunderts. Naja, beim Papa hapert’s, der is weder’n Heinrich noch’n Thomas, aber sonst! (Aber bei soviel Inspiration musste ich’s gleich auch mal probieren.)

Morgen ist ja nun das ohne-Mama-Chaos wieder vorbei. Mama kommt nach hause, und es beginnt das mit-Mama-Chaos! Das ist schön!