Mittwoch, 08. November 2006


Zeit für die Kinder, den Abendgruss des schwedischen Fernsehens zu sehen. Zeit, nach einem voll gepackten Nachmittag mal wieder durch zu atmen. Ich weiss, Frau Ministerin, Fernsehen macht dumm und gewalttätig, genau wegen dieser zweifellos richtigen Aussage mag ich Sie sehr, auch wenn Sie nicht die erste Bundesfamilienministerin sind, die darauf gekommen ist, aber ich habe leider kein Kindermädchen und komme auch nicht aus gesetztem Hause, mein Vater war auch kein niedersächsischer Ministerpräsident zu Zeiten, als es allen blendend ging, so dass ich mir eines leisten könnte. Deswegen leiste ich mir den Luxus, mir ein elektronisches zu leisten, sei es auch nur für eine halbe Stunde oder Stunde. Aber das hilft (Gott sei Dank?) auch nicht viel: Yoram steht schon wieder neben mir und spielt mit einer der Spieluhren…

Nachdem die Brüder heute nachmittag nach hause gekommen waren, war hier natürlich der Teufel los. (Das war er auch schon nur mit den kleinen, aber jetzt erst recht.) Ich hatte nämlich unvorsichtigerweise fallen lassen, dass Oma übermorgen Geburtstag hat und dass man doch etwas hinschicken könnte. Und da setzte sich die Kreativität unserer Kinder wie ein Uhrwerk in Gang. Jacob sprang sofort herum und suchte Klarsichtfolie oder durchscheinendes, dünnes Papier, um einen Lampion zu basteln, den sie sich dann nur noch zusammen kleben müsste. Noah und Hannah meinte, sie müssten unzählige Briefumschläge verarbeiten, um daraus irgendetwas Brauchbares für Omas Schrankwand zu machen. Und Yoram produzierte Bilder, eine seiner leichtesten Übungen, am Fliessband. Und meine Idee war ja, Sonnenkonfetti herzustellen, in einen Briefumschlag zu tun und zu ihr zu schicken. Ausser Yorams Bildern ist nichts draus geworden, so werden wir wohl doch Blumen schicken. Jedenfalls waren wir damit eine Weile alle beschäftigt.

Doch nun wurde es Zeit, Abendessen zu machen. Und wir kochten etwas, was Yoram später als Richter speziale, vielleicht in Anlehnung an Salto mortale – naja, ganz so mörderisch war es nun auch wieder nicht. Richter speziale zum Mitschreiben – vielleicht wird ja Johannes B. Kerner auf die verborgenen Kochkünste im Lande aufmerksam und lädt uns zu sich in seine Freitagabendsendung, um gemeinsam mit Sarah Wiener und Josef Lafer zu kochen; vier Sterne hat unser Hotel Papa allemal. Richter speziale also zum Mitschreiben: Italienische Nudeln bissfest gekocht – Bolibompa versagt gerade, die Kinder beginnen, sich wieder zu bewegen, sprich: zu toben – Nudeln jedenfalls in Gemüseboullion von Rapunzel und bissfest, dazu eine Sauce aus Putenfleischwurst von Ingelsta, Champignons von Eldorado, Zwiebeln vom Mossagården, Tomatenketchup von Heinz und einem Ei vom Huhn. Das ganze umgerührt von Yoram und dazu geriebener Käse, heute mal halb ungerieben, von Noah und Hannah. Guten Appetit. Blitzschnell gemacht, nur zehn Minuten – länger reicht der Atem der Kinder auch nicht.

Dann haben wir gegessen. Schöne Umschreibung! Ich wollte kein Foto des Tisches hier ins Netz stellen, um n niemandem das Essen zu verderben, aber ich habe ja ’ne Woche Zeit, das Chaos wieder her zu richten, so dass die Regierung, wenn sie denn nach hause kommt, ihr Chaos wiederfindet – nicht unsers. Mal sehen, ob es mir gelingt.

Nun funktioniert wieder die Droge Bolibompa…

Und danach ist es läggdags, Zeit, schlafen zu gehen – man sieht, das Schwedische ist sehr ökonomisch: läggdags – Zeit, schlafen zu gehen, bolibompadags – Zeit, Bolibompa zu sehen usw. -dags lässt sich mit so gut wie allem recht beliebig kombinieren und bedeutet immer, dass es Zeit ist genau das zu tun, was das mit -dags kombinierte Wort will. Eine geniale Erfindung, isn’t it?

PS zum Thema läggdags: Alle Kinder liegen in ihren entsprechenden Fallen, da kommt Noah zum zweiten Male an, eigentlich zum dritten, aber das erste Mal ging er noch auf Toilette. Leicht säuerlich sage ich, er solle doch endlich ins Bett gehen – ich bin schliesslich nicht Rolf Zuckowski. Er druckst herum. „Na gut“, sage ich: „Dann leg dich doch in mein Bett.“ Noah: „Ja!“ Und zum Zeichen des Triumfes ballt er das kleine Fäustchen und macht eine Geste, als wäre Michael Ballack persönlich in ihn gefahren und hätte ein Tor geschossen. Hatte er ja auch, bloss nicht im Fussball. Und schwuppdiwupphastenichjesehenwarerweglagimbettundschlief – alles eins. Da liegt er nun – und schnarcht.

 PS2: Ungefähr 21.50 – vorerst letztes Lebenszeichen von der Regierung. Sie ist wohlbehalten gelandet und unterwegs zum See Genezareth. Und hier bei uns ist es still und leer, auch wenn die Bude voll ist.

Unsere Regierung ist jetzt in Frankfurt bei schönstem Wetter, wie ich hörte. Da können wir hier vor Neid bloss platzen. Hier regnet’s wie aus Eimern, den ganzen Tag schon, so dass ich Hannah (und damit auch Noah) schon mal vorsorglich aus dem Kindergarten gerettet habe. Dort ist nämlich mittwochs Ausflugstag, und dabei spielt es keine Rolle, wie das Wetter aussieht. Es geht raus ins Grüne. Und da sassen die süssen Kleinen nun im „Grünen“, das natürlich mehr grau war als grün bei dem Wetter und futterten ihre medhavda matsäckar, ihre mitgebrachten Futtertüten leer, bis ihnen die Finger vor Kälte erstarten. Und das ist natürlich Medizin für Hannahs Asthma, kann man sich gut vorstellen.

Wir sind also geflüchtet – ins Trockne, und kaum zu hause angekommen, kommt der Rapport aus Frankfurt per Telefon. Der Flug war soweit gut, aber durch die neuen Sicherheitsbestimmungen ist sie einer Spraydose verlustig gegangen, ihr bestes Spray! (Darf man hier Namen nennen – oder ist das wie bei Kerner, der sich immer wieder mal rückversichert, ob er den Namen der Firma, den er eben nannte, nun sagen durfte oder nicht. Noa jedenfalls – das Spray.) Und während es in Kopenhagen geregnet hat wie hier auch, scheint wohl in Frankfurt die Sonne. Und nun soll es irgendwann weitergehen. Næste station – Tel  Aviv. Oder wie es in der Moskauer Metro immer so schön heisst: Осторожно, двери закрываются! Следующая станция – Копенгаген…, nein! Tel Aviv! (Achtung die Türen werden geschlossen! Nächste Station -Tel Aviv! – Das mit Копенгаген, Kopenhagen also, war ein alter Witz aus sowjetischer Zeit: Ein Entführer wollte einen Zug der Metroringlinie in Moskau nach Kopenhagen entführen. Das Personal wollte ihm einschärfen, dass dies die Ringlinie sei, demzufolge immer im Kreis führe. Nach etlichen Versuchen, ihm das beizubringen, half man sich anders: Siehe oben.)

Hier zu hause wuseln in der Zwischenzeit Hannah und Noah um alle erdenklichen Ecken und sind damit beschäftigt, die notdürftig in der Balance gehaltene Ordnung wieder zur Minna zu machen. Und wenn man es ihnen dann sagt, läuft Noah vor sich her blubbernd davon und meint: „Ich mach jetzt gar nichts mehr. Ich geh jetzt ins Bett und schlafe.“ Gute Idee eigentlich, Hauptsache doch er schläft dann auch nachts noch, was er in letzter Zeit tunlichst bleiben lässt – zumindest vor zehn. Als ich doch in sein Zimmer komme, sehe ich ihn nicht im Bett, sondern – unterm Bett. Geht also auch als Schlafplatz.

Wir werden also eben mal schauen, was sich in Frankfurt tut, und dann ist’s Tea Time… Aber auf der Seite vom Frankfurter Flughafen ist ausser Werbung nix zu holen, zumindest nicht durch mich. Trinken wir lieber ’n Tee und essen ’n Stück Stollen dazu.

Frischer Bericht aus dem Flieger: Wir starten jeden Moment. Es ist 14.48 in Frankfurt.

Die Mutter ist los. Losgefahren in Richtung Israel, eine Reise, auf die sie sich schon lange gefreut hat. Passt gut auf sie auf!

Wir hier schlummern jetzt noch mal ein Stündchen, ehe wir uns ins Getümmel des Tages stürzen – mit Ausflügen bei den Jüngsten, normalem Schulalltag, was immer das mit sich bringen mag, bei den beiden Grösseren. Und auch der König hat heute einen ganz normalen Schultag vor sich und darf in der siebten und achten die Puppen tanzen lassen. Ein ganz normaler Tag also.

Aber ein bisschen komisch ist es doch: Nach so vielen Jahren hat sich die Mutter auf Reisen begeben, weit weg in ein fernes, nahes Land. Das letzte Mal war sie vor auf den Tag genau sieben Jahren für eine Woche weg…, in Jordanien und Syrien. Na, viel Spass jedenfalls. Den werden wir haben. 

…..Koffer ist gepackt, ich werde heute extra drauf schlafen, von wegen der Sicherheit, Kinder + Vater sind instruiert, mal sehen was kommt… nach 10 Jahren wieder in  Israel.