Diese trüben, grauer Ekelabende, jetzt sind sie wieder da. Ab nachmittags um vier ist der Tag vorbei. Letzten Sonntag war regelrechte Weltuntergangsstimmung: Plötzlich, innerhalb von Minuten ging das Licht aus. Ein Rest Sonne warf einen Schimmer gleissendes Rot über die Stadt, der sich überall an den Hauswänden reflektierte. Und dann senkte sich ein schwarzer Himmel so tief über die Stadt, dass man die Wolken fast hätte greifen können. Und daraus fiel Hagel, dicker, schwerer Hagel… Und ich mit allen Kindern ohne Auto unterwegs zum Bus, der natürlich gerade vor uns wegfuhr. Der nächste Bus an einem Sonntag – 30 Minuten später.

An ein paar Tagen zwischendurch kam mal wieder die Sonne raus. Aber heute hat’s uns wieder voll erwischt: Dicke, warme wabernde Tinte, stehende Luft, gespenstische Stille, wenn man vors Haus tritt. Ausser dem fernen Rauschen derAutobahn – und heute abend grölenden Studentinnen drei Strassenzüge weiter, aber ich glaube, die haben jetzt auch schon fertig gegrölt – hört man nix. Der Hof, den ich aus meinem Fenster hier in Augenschein nehmen kann, liegt zu dieser Jahreszeit rund um die Uhr im Tiefschlaf. Diese wuselnde Kinderschar, die übrigens in diesen Tagen um zwei arabische Babys gegenüber erweitert wurde, diese wuselnde, fröhliche Kinderschar ist nicht mehr zu sehen, versteckt in den eigenen vier Wänden, in Schulen und Kindergärten. Und auch sonstige Schweden sind nicht zu finden, aber das waren sie auch im Sommer schon nicht, nur die Isländer, irakischen, libyschen, palästinensischen Araber, Amerikaner, Russen, Kosovaren, Elfenbeinküster, Deutschen. Die schwedische Majorität in unserer Studentensiedlung hier ist meist kinderlos, hat demzufolge ’ne ganz andere Interessenlage und wird nur zu besonderen Feiertagen sichtbar – und vor allem hörbar, so zu Mittsommer und bei der Fussball-WM, wenn Schweden gespielt hat. Aber jetzt im November: Nur hastende Schatten.

Und selbst ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst, nicht dass ich so hoffnungsvoll abgenommen hätte, nein, ich schlafe nur noch. Ich könnte ganze Tage wegschlafen, diesen ganzen verflixten November einfach wegschlafen. Und auch jetzt, wo ich am Computer sitze, muss ich mich bemühen, dass mir nicht der Kopf auf die Tastatur knallt.

Und dennoch gibt’s Lichtblicke: Heute mittag bekam ich einen Anruf aus Stockholm. Die Regierung war dran. Gott sei Dank hat sie ihre Staatsgeschäfte wieder aufgenommen – bei Inlandreisen kann sie ja dennoch ganz gut Kontrolle über uns, eine von väterlicher Verwahrlosung bedrohte Truppe, halten. Sie rief also an und erinnerte mich in letzter Sekunde daran, dass ich ja in die Pre-school müsse zum Saubermachen. Der Tellerwäscherjob. Ich hatte ihn fast vergessen. Ich hatte ihn vergessen, war auf dem Weg, Shabbesgrejor, also Lebensmittel für den bevorstehenden Abend, zu besorgen. Nun fuhr ich statt einkaufen dorthin und begann. Da sah mich Trent, unser amerikanischer Nachbarsjunge, und rief voller Freude und Stolz: „Hi, Stefan!“ – „Hi, Trent!“ antwortete ich im selben Tonfall und etwa derselben Lautstärke. Darauf er stolz wie so’n Hahn zu seinen Fröken, die ja dort Teachers heissen: „He knows my name, because he is our neighbour!“ Ein goldiger, kleiner Kerl mit einer frechen, aber süssen grossen Klappe.

Und als ich unsere eigenen Jungs heute morgen in ihrer Schule und die Kleinen im Kindergarten daneben abgeliefert hatte, geschah folgendes. Man muss dazu wissen, dass die Schulkinder unserer Schule nicht direkt bei der Schule abgeliefert werden, sondern zwei Kilometer davon entfernt. Dann geht die ganze Schule, also die Klassen 1-6, einen wunderbaren Schulweg hoch zur Schule. Da ich ja aber die anderen beiden auch noch im Gepäck habe, muss ich ja sowieso direkt zur Schule, da der Kindergarten direkt neben derselben liegt. Und wenn ich dann mal ein bisschen spät dran bin, wie heute morgen, bringe ich die Grossen direkt zur Schule. Die sollen dann ihre Rucksäcke in den Klasenraum bringen, während ich die Kleinen wegbringe, dann wieder runter auf den Hof kommen und auf ihre Klasse warten, die ja den Schulweg geht. Ich selbst komme dann nochmal vorbei zum Tschüsssagen (Neue Rechtschreibung?) Als ich nun heute wieder kam vom Kindergarten, fand ich nur Jacob vor, wollte dann schon gehen, und dachte dann aber, naja das Vaterherze, dachte jedenfalls: Musst doch mal gucken, was der Yoram macht. Vielleicht hat er ja irgendein Problem, dass er deshalb nicht wieder runter gekommen ist, wie ich ihn geheissen hatte zu tun. Ich gehe also hoch in seinen Klassenraum, und da sitzt Yoram, der doch oft so ein tough guy ist, mit seiner Mitschülerin Olivia auf dem Tisch – und strickt! Ein Bild für die Götter: Während andere wie die Verrückten durchs Haus toben, sitzt er da mit Olivia und strickt! Ein herrlicher Kerl, dieser Kerl! Ich liebe ihn! Den andern, der da unten vor dem Schuleingang hockte und auf seine Klasse wartete, übrigens auch!