Eine zehnte Klasse 

Am Anfang hatte sie fünf Schüler, ein Muttersprachler in Deutsch, der mit seiner Mutter zu hause Deutsch spricht, zwei Schüler, die schon ewig Deutsch hatten, seit der ersten Klasse, ein Schüler, der von der ersten bis zur sechsten Deutsch hatte, dann drei Jahre lang Spanisch, jetzt wieder mit Deutsch anfängt, und eine Schulerin, die neu hinzu gekommen ist und noch nie Deutsch oder eine andere Fremdsprache hatte. Schon das eine Starbesetzung, kann man sich vorstellen. Jetzt kamen zwei weitere Schülerinnen hinzu, eine, die Deutsch hatte bis zur sechsten, dann die Schule wechselte, um nun doch wieder zu kommen und mit Deutsch weiter zu machen, aus Mangel an Alternativen. Und dann kam nun auch noch ein Mädel, dass perfekt Französisch spricht, völlig neu an dieser Schule ist, noch nie auch nur eine Spur von Deutsch gehabt hat, aber natürlich ’ne gewisse Sprachbegabung mitbringt – im Unterschied zu der anderen Anfängerin, die seit Schuljahresbeginn in der Klasse ist. Sieben Schüler also mit sieben völlig unterschiedlichen Niveaus.

Da es so gut wie keine deutschsprachige Belletristik in der Schule gibt, ist der Lehrer auf ausserschulische Quellen angewiesen, entweder seine höchst private Bibliothek oder das Internet.

Heimwehfernweh 

Und da habe ich eine spannende Schule gefunden, die mir zwar hier auch nicht weiter hilft, aber interessant ist sie trotzdem, die Olenhofschule für deutsche Sprache in Moskau. Vielleicht sollten wir doch noch mal umziehen…

Ich las dort eine Wegbeschreibung: Von der Metrostation Sokol (einer spannenden Ecke im Nordosten Moskaus, wo ich tausendmal gewesen bin, als ich siebzehn war) … usw. Man kann auch von der Metrostation Tuschinskaja dorthin finden. Aber die Schule liegt am Leninskij Prospekt in der Nähe der Metrostation Prospekt Wernadskogo. Das liest sich vertraut. Mit all dem war ich mal sehr vertraut, lange, bevor wir in dieses komische Schweden emigrierten, warum auch immer.

Manchmal juckt es mich, nach Moskau zu fahren, und dann macht mir dieser Molloch von Stadt doch wieder nur Angst, und mir wird schlagartig bewusst, dass wir dort niemals überleben könnten mit unseren Kindern. Wo sollten die dort bleiben, an der deutschen Botschaftsschule oder einer einheimischen Waldorfschule? Und vor allem: Was sollten wir dort tun? Vielleicht an der Olenhofschule arbeiten…?