November 2006


Ein komisches Wort: Sorgen. Aber laut Wikipedia sind Sorgen genau das, was ich mir mache, manchmal mehr und manchmal weniger.

Und wenn ich sie mir mehr mache, wollen sie nicht aus dem Kopf und werden oft noch mehr oder grösser. Dabei gibt es ja dann die ganz persönlichen und dann noch die speziellen, oft erdumfassenden Sorgen.

Im Moment gerade sind es die persönlichen. Keine Angst, wir leben (noch) und lieben uns noch immer sehr, und ohne vier Küsschen morgens und abends lässt  mich die gesamte mischpoke nicht los, ob es nun reale oder per Telefon sind.

Und es ist auch nicht die Sorge um meine Aufsätze, dass die nun endlich fertig werden, das liegt nur bei meiner Faulheit und Unkreativität zur Zeit.

Es ist, die nicht kleine, Sorge um Noahs Füsse, die immer mehr nach innen gehen und wo er wohl doch teure Extraschuhe brauchte. Es ist die Sorge mit Hannahs Asthma das ab und an uns schrecklich in Atem hält. Da ist der Yoram mit seinen Flecken, die auch schlimmeres sein können (Café-au-lait-Flecken), und da ist Jacob mit seinem Nichtlesen- und -schreibenkönnen. Lotta, die so nah nicht ist und so stark ist und hoffentlich das Richtige tut. Da ist Stina in Brüssel, hoffentlich geht’s ihr gut (ja, ich weiss, sie hat es erst gerade bestätigt) und die Jule, die soviel beschäftigt ist mit ihren Isländern (Pferde) und hoffentlich ihren Krankenschwesterabschluss bald hat.

Da ist mein König, der nie zeigt, wenn es ihm dreckig geht und so leidet unter der Sprachlosigkeit hier überall.

Und da ist unser liebes altes Auto, das so langsam seinen Geist aufgibt und die Sorge, wo wir 3000 Euro her bekommen für ein Neues.

Und  da ist meine kleine klitzekleine, grosse Angst vorm Zahnarzt, der dringend sein müsste, weil ich ja immer noch diese Wurzelentzündung habe und das erstens so bannig teuer ist und ich Schiss habe, oiwoi so dolle.

Jaja, das sind sie, die kleinen Sorgen.

Ich hoffe nur, sie werden vorübergehen oder behoben werden können. Ich bin ja ein positiver Mensch mit kleinen Sorgen…

“ Hallo Mama hier bin ich“ Wer ich, die hören sich alle so gleich an die grossen Mädis. Aber , ich hab ja vorher auf die Nummer geschaut, mit so einer langen Tefonnummer kann es also nur unser zur Zeit am weitesten entferntes Kind sein.

Da muss ich doch glatt erstmal den Franz Rosenzweig beiseite legen und mich freuen. Unsrer Mittleren von den Grossen gehts gut, bis auf eine Erkältung und ich bin so froh darüber. Als AuPair in einer völlig fremden Familie ist bestimmt nicht leicht, aber sie packt es und hat auch Riesenglück mit der Familie, 2 goldige Kinder und herrliche Eltern. Na dann Mama, was machste Dir Sorgen….

Hier ist sie zu Hause zur Zeit ,unsere Schöne:

http://www.ilotsacre.be/site/de/stadtplan_brussel.htm

Und jetzt nehm ich nicht den „Stern der Erlösung“ in die Hand , sondern widme mich der Chaosbude hier, damit der  allerbeste aller Ehemänner das nicht alleine tun muss. Geteiltes „Leid“ ist halbes „Leid“. Uff ich will entweder ne grössere Wohnung (wir haben nur 70 m2) oder einen ordentliche Staubsauger oder wenigstensne Freundin mit Putz- und Hilfewahn.

…an Lucia, fragte Yoram mich heute morgen (Ich hoffe, alle wissen, dass Lucia hier in Schweden etwas unheilig Heiliges ist und ein Muss für alle Beteiligten, selbst an der Jüdischen Schule in Stockholm…)

Nun zu Yoram. Frage zurück von Mama: Was denn????

Na, die Lussebullar!

 th_light_lussebullar_222.jpg (Nur kurz noch gesagt, gestern bekamen unsre Vier hier von der Lieblingsbäckerin 4 Lussekatter, wie sie auch genannt werden, die sie dann heute morgen mit Genuss verspeisten. Lussebullar sind also Brötchen mit Safran und sehen aus wie heidnische Runen. Ich kann die Dinger nicht sehen, geschweige essen, weil es gibt sie bald überall.)

ABER ich hab ja auch meine heimlichen EssLieben und, ätsch, ich hab gestern schon welche gesehen, dabei sollte es die erst im Januar geben, naja, Konsum halt. Ja ich mag nämlich Fastlagsbullar oder Semlor und kann von denen nicht genug bekommen. Oi, wie ungesund und dickmachend.

nyheter-28s27-semla9-162.jpg Einfach nur Brötchen (Milchbrötchen) mit Marzipan und Sahne drinne.

Und was mögt Ihr?

…da stellt man was dar, denn die nehm’n ja nicht jeden, sang der Schöne Gerhard, nein nicht der Schröder Gerhard, der Schöne, Gerhard Schöne, mal in einem wunderbaren Song. Nun müssen wir natürlich korrigieren: Nicht wir sind im Fernsehen aufgetreten, sondern unsere Gemeinde war im Fernsehen zu sehen.

Also, wen es interessiert: Unsere Gemeinde Shir Hatzafon war im dänischen Fernsehen.

Und ich gehe morgen tanzen, bei uns über das jüdische Zentrum hier in Lund: jüdische Tänze, mal sehen was das wird.

…. schon wieder über die schwedische Bürokratie, die also 3mal höher ist als deutsche. Heute ist von der zentralen Antagningsstelle der 2. Brief gekommen, das sowohl Stjopa als auch ich keine grundläggende Behörighet haben an Lunds Universität zu studieren. Seit diesem Semester müssen wir uns alle zentral bewerben und da wir ausländisches Abi haben, ist unser Zeugnis nicht bei irgendwelchen Ämtern direkt publiziert, sondern liegt bei der Uni Lund, sowie auch Svenska B -Nachweis und Englisch B. Anstatt das bei den Unis zu hinterfragen, nein da schicken sie nur labidar den Zettel mit der Ablehnung weil wie gesagt das Abizeugnis fehle. Mittlerweile schreibe ich aber schon den Kandidataufsatz in Judaistik und mein Männe auch, er hat nebenbei ein Hochschulstudium hier und in D absolviert und will jetzt nur noch Magister schreiben und dazu nebenbei den Deutschkandidaten. Waren wir bis jetzt falsch hier, nein, natuerlich nicht, aber man muss mal  wieder die Leute beschäftigen mit unnuetzen Sachen weil wie schon gesagt alles da ist bei der Antagningsenhet der Uni direkt. Uff also morgen wieder 2 Stunden telefonieren und am besten gleich den Diskriminierungsombudsmann anrufen. Mir reichst. Da ist man doch Dank der Personennummer eigentlich ein gläserner Mensch und da kann man doch hier an Hand der Autonummer alles via Handy über den Besitzer und das Auto erfahren BBBBRRRRR. Und so weiter…

… Eure Kinder auf eine Waldorfschule geben und in den Waldorfkindergarten. Wisst Ihr nicht , die sind dort antisemitisch. Wie kannst Du dort als Lehrer arbeiten, weisst Du nichts von Steiners Rassenlehre. Vielleichst solltest Du lieber Montessorikindergärtnerin werden….

Ist uns alles bekannt und doch gibt es Gründe warum und wieso wir das tun und machen. Ein Teil beschreibt jemand anderes sehr gut in einem Artikel der Info 3, ich lass lieber ihn  sprechen:

http://www.info3.de/ycms/printartikel_231.shtml (Aufzeichnungen eines jüdischen Waldorflehrers)

Ja damit leben unsere armen Kinder nun, nicht nur das sie aus einer kinderreichen mischpoke kommen, sondern sie haben hier in Schweden auch noch drei andere Päckchen zu tragen, sie sind: Deutsche ( sind hier gar nicht so gut angesehn oder nur als Touristen, deutsch ist out sagte ein Schüler mal), Juden ( das schlimmste ist hier der versteckte Antisemitismus und die Israelfeindlichkeit – niemals dürfen die Kinder mehr ihre Kippot vor dem Gemeindehaus aufsetzen) und sie gehen auch noch auf eine Waldorfschule (da lernt man doch nichts und rassistisch sind sie auch noch).

Keine Angst sie sind nicht gekrümmt oder geknickt, sie sind stolze und geradlinge deutschsprachige jüdische Kinder, die bei Waldorfs zu Schule gehen und zu hause eine Jahreszeitentisch haben der an Sukkoth eine kleine Sukka drauf hat und zu Chanukka geschmückt ist mit Chanukkia und lauter Dreidel und einen kleinen Tomte (Hausgeist) der hier in jedem Haushalt lebt 😉 .

im002745.JPG Jacob, ganz stolz mit seiner Sukka

Welch komisches Wort, so war es doch das Hauptthema in einem Vortrag, den R. (eine jüdische Waldorfkindergärtnerin) in Järna bei der jährlichen Tagung der Waldorfkindergärtnerinnen sich anhörte. Eigentlich sollte der Vortag eines renommierten anthroposophischen Kinderarztes über die ersten drei Lebensjahre eines Kindes sein. Der Arzt kam also an die Stelle, wo dann der krabbelnde Mensch beginnt, sich aufrecht zu stellen und anfängt zu laufen. Und dieses schafft er nach seiner Meinung nur dadurch, dass in ihm die Christuskraft wirkt. Hmmm,  R. (mir nicht sehr unähnlich) kann ihren Unwillen nicht verbergen und ihren Mund halten und fragt mitten in die andächtig lauschende Menge der überwiegend schwedischen Zuhörer ( wichtig zu wissen, man widerspricht in Schweden nicht und übt auch niemals Direktkritik – das darf man höchstens hinterm Rücken): Und wie habe ich dann laufen gelernt, so ganz ohne Christuskraft, denn ich als Jüdin spüre die nicht in mir. Alles still, stecknadelstill. Und dann nach längerem Überlegen die Antwort des Arztes: Entschuldigung, darüber habe ich noch nicht nachgedacht.

Vielleicht sollte sich so ein Vortragender genauer mit seinem Fach beschäftigen und daran denken, dass es bei Waldorfs heute interreligiös und international zu geht.

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