November 2006


Der berühmte Spruch meiner liebsten Oma Krankenhaus s.A. hat heute mal wieder gestimmt hoch drei. Ich bin also zu nichts richtig gekommen, als zum Revuepassierenlassen des letzten Wochenendes bei Waldorfs in Bromma.

Ich wollte eigentlich gar nicht so richtig fahren und tat es dann doch, denn erstens war die Fahrkarte gekauft und zweitens war es die einzige Möglichkeit, die bei meinem eigentlichen Kurs versäumten Kurseinheiten bei dem jetzt neuen Kurs nachzuholen.

Und wie gut das ich gefahren bin. Nämlich, das sollte so sein.

Ich habe dort oben nicht nur sehr nette Menschen getroffen, wie J. aus Rörum, den Quotenmann im Kurs mit seiner Liebe zu Israel und besonders C. aus Mittelschweden, eigentlich Südafrika, die mir ihre Sorgen erzählte und wo sich herausstellte, dass es die gleichen sind wie meine, was zum Beispiel die Schwierigkeit der Kommunikation mit den Schweden ist (man liebt hier die Nichtkommunikation) und die Beziehungskisten innerhalb Waldorfs (Jobs bekommt man hier oft nur, wenn man jemanden kennt, der schon da arbeitet und womöglich auch noch mit dem verwandt ist) und vor allem unsere Kinder, denn eine ihrer Töchter hat auch Dyslexie, und es ist ihr bei Waldorfs nicht geholfen worden, so dass sie gegen ihren Willen die Tochter umschulte.  Wir hoffen ja immer noch, dass es bei uns an der Schule besser läuft und Jacob den Berg überwindet.

Nein jetzt kommt es. Ich traf da oben – von uns aus ist alles nördlich von Lund „da oben“ – einen Menschen, den ich seit 2 Jahren treffen will, das heisst anrufen sollte und wollte und dann treffen. Und die, wie sich jetzt herausstellte, auf diesen Anruf auch gewartet hat.

R., Waldorffröken, Jüdin und Israelin – ein herrlicher Mensch mit Charisma und voller Offenheit und mit grossem Herzen. Ich ärgere mich so, dass ich nicht früher Mut gehabt habe, sie anzurufen. Sie war unsre Lehrerin für Handgestenspiel. Und sie wusste sofort, wer ich bin und ich wusste, wer sie ist, und sie sieht aus wie eine jüngere Ausgabe meiner Mutter, und ich mag sie sehr. Am Shabbes mit Shabbat Shalom begrüsst zu werden und am Samstagabend mit Shavua tov – und das da oben bei Waldorfs.

Sie will wieder nach Israel zurück, auch wenn sie seit 22 Jahren weg ist, am liebsten nach Harduf. Und ich kann sie verstehen, wir wollen mit, am liebsten. Aber… es gibt so viele Aber.

Jedenfalls für nächstes Jahr Chanukka haben wir es uns vorgenommen und vielleicht kommt R. dann ja mit.

Jedenfalls bin ich froh, das Wochenende da oben gewesen zu sein. Und wie ich zurück kam, war meine koschere Familie (sie hatten gerade im Dreidlach – unserer Kindergruppe im jüdischen Zentrum – das Thema Koscher) am Bahnhof und jubelte mir entgegen, ja ich hab halt meine eigene Fangruppe.

Morgen gehts wieder los mit besserem Elan, hoffentlich.

Diese trüben, grauer Ekelabende, jetzt sind sie wieder da. Ab nachmittags um vier ist der Tag vorbei. Letzten Sonntag war regelrechte Weltuntergangsstimmung: Plötzlich, innerhalb von Minuten ging das Licht aus. Ein Rest Sonne warf einen Schimmer gleissendes Rot über die Stadt, der sich überall an den Hauswänden reflektierte. Und dann senkte sich ein schwarzer Himmel so tief über die Stadt, dass man die Wolken fast hätte greifen können. Und daraus fiel Hagel, dicker, schwerer Hagel… Und ich mit allen Kindern ohne Auto unterwegs zum Bus, der natürlich gerade vor uns wegfuhr. Der nächste Bus an einem Sonntag – 30 Minuten später.

An ein paar Tagen zwischendurch kam mal wieder die Sonne raus. Aber heute hat’s uns wieder voll erwischt: Dicke, warme wabernde Tinte, stehende Luft, gespenstische Stille, wenn man vors Haus tritt. Ausser dem fernen Rauschen derAutobahn – und heute abend grölenden Studentinnen drei Strassenzüge weiter, aber ich glaube, die haben jetzt auch schon fertig gegrölt – hört man nix. Der Hof, den ich aus meinem Fenster hier in Augenschein nehmen kann, liegt zu dieser Jahreszeit rund um die Uhr im Tiefschlaf. Diese wuselnde Kinderschar, die übrigens in diesen Tagen um zwei arabische Babys gegenüber erweitert wurde, diese wuselnde, fröhliche Kinderschar ist nicht mehr zu sehen, versteckt in den eigenen vier Wänden, in Schulen und Kindergärten. Und auch sonstige Schweden sind nicht zu finden, aber das waren sie auch im Sommer schon nicht, nur die Isländer, irakischen, libyschen, palästinensischen Araber, Amerikaner, Russen, Kosovaren, Elfenbeinküster, Deutschen. Die schwedische Majorität in unserer Studentensiedlung hier ist meist kinderlos, hat demzufolge ’ne ganz andere Interessenlage und wird nur zu besonderen Feiertagen sichtbar – und vor allem hörbar, so zu Mittsommer und bei der Fussball-WM, wenn Schweden gespielt hat. Aber jetzt im November: Nur hastende Schatten.

Und selbst ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst, nicht dass ich so hoffnungsvoll abgenommen hätte, nein, ich schlafe nur noch. Ich könnte ganze Tage wegschlafen, diesen ganzen verflixten November einfach wegschlafen. Und auch jetzt, wo ich am Computer sitze, muss ich mich bemühen, dass mir nicht der Kopf auf die Tastatur knallt.

Und dennoch gibt’s Lichtblicke: Heute mittag bekam ich einen Anruf aus Stockholm. Die Regierung war dran. Gott sei Dank hat sie ihre Staatsgeschäfte wieder aufgenommen – bei Inlandreisen kann sie ja dennoch ganz gut Kontrolle über uns, eine von väterlicher Verwahrlosung bedrohte Truppe, halten. Sie rief also an und erinnerte mich in letzter Sekunde daran, dass ich ja in die Pre-school müsse zum Saubermachen. Der Tellerwäscherjob. Ich hatte ihn fast vergessen. Ich hatte ihn vergessen, war auf dem Weg, Shabbesgrejor, also Lebensmittel für den bevorstehenden Abend, zu besorgen. Nun fuhr ich statt einkaufen dorthin und begann. Da sah mich Trent, unser amerikanischer Nachbarsjunge, und rief voller Freude und Stolz: „Hi, Stefan!“ – „Hi, Trent!“ antwortete ich im selben Tonfall und etwa derselben Lautstärke. Darauf er stolz wie so’n Hahn zu seinen Fröken, die ja dort Teachers heissen: „He knows my name, because he is our neighbour!“ Ein goldiger, kleiner Kerl mit einer frechen, aber süssen grossen Klappe.

Und als ich unsere eigenen Jungs heute morgen in ihrer Schule und die Kleinen im Kindergarten daneben abgeliefert hatte, geschah folgendes. Man muss dazu wissen, dass die Schulkinder unserer Schule nicht direkt bei der Schule abgeliefert werden, sondern zwei Kilometer davon entfernt. Dann geht die ganze Schule, also die Klassen 1-6, einen wunderbaren Schulweg hoch zur Schule. Da ich ja aber die anderen beiden auch noch im Gepäck habe, muss ich ja sowieso direkt zur Schule, da der Kindergarten direkt neben derselben liegt. Und wenn ich dann mal ein bisschen spät dran bin, wie heute morgen, bringe ich die Grossen direkt zur Schule. Die sollen dann ihre Rucksäcke in den Klasenraum bringen, während ich die Kleinen wegbringe, dann wieder runter auf den Hof kommen und auf ihre Klasse warten, die ja den Schulweg geht. Ich selbst komme dann nochmal vorbei zum Tschüsssagen (Neue Rechtschreibung?) Als ich nun heute wieder kam vom Kindergarten, fand ich nur Jacob vor, wollte dann schon gehen, und dachte dann aber, naja das Vaterherze, dachte jedenfalls: Musst doch mal gucken, was der Yoram macht. Vielleicht hat er ja irgendein Problem, dass er deshalb nicht wieder runter gekommen ist, wie ich ihn geheissen hatte zu tun. Ich gehe also hoch in seinen Klassenraum, und da sitzt Yoram, der doch oft so ein tough guy ist, mit seiner Mitschülerin Olivia auf dem Tisch – und strickt! Ein Bild für die Götter: Während andere wie die Verrückten durchs Haus toben, sitzt er da mit Olivia und strickt! Ein herrlicher Kerl, dieser Kerl! Ich liebe ihn! Den andern, der da unten vor dem Schuleingang hockte und auf seine Klasse wartete, übrigens auch!

Ja, so isse, die Rejierung. Die Kinder haben nur ’nen Schweif von ihr gesehen, da isse schon wieder weg, wie se schon richtig sacht, zum Staatsbesuch bei Waldorfs in Stockholm, ein von langer Hand geplanter Termin, naja, Staatsbesuch! Wir wollen’s mal nicht übertreiben, auch wenn Bromma nur einen Steinwurf weit von Drottningholm, dem Wohnsitz der schwedischen Königsfamilie entfernt ist. Ich bin da mal hin gelaufen, von Bromma aus, sehr, sehr schön…

Aber gefreut haben sich die Rangen über die vielen kleinen Details, die die Mutterregierung da aus dem fernen, nahen Ländle mitgebracht hat. Und vor allem hat sie Appetit mitgebracht, auf Hinfahren. Wir kommen also, alle, irgendwie, wahrscheinlich wohl mit dem Fahrrad, wie die zwei Ossis vor zwei Jahren – oder war’s voriges Jahr?

Und wir haben beschlossen, uns auch nicht vergraulen zu lassen. So! Jetzt erst recht!

Hej, hej från Sverige, bin gut wieder gelandet, völlig muede … aber dann am Kopenhäger Flughafen eine Riesenbegruessung durch ein paar herrliche Zigeunerkinder, die sich dann als die meinigen herausstellten. Der König war auch mit und bewachte das Essenlager hihi, ein köstliches Bild. Ja nun ist also die Regierung wieder zu Hause und versucht das Chaos in den Regierungsgeschäften zu bewältigen, muss aber gleichzeitig heute Abend zum Staatsbesuch will sagen zu Waldorfs nach Stockholm, aber ab Sonntagabend ist die Welt dann wieder ok im Hause Krachmacher.

mit einem lachenden und einem weinenden Auge bin ich schon fast wieder auf dem Weg zur Suedspitze Schwedens.

Heute waren wir in der Wueste unter anderem in Masada, ich war schon sehr oft da, es hat sich im Eingangsbereich viel geaendert, aber sonst ist es wie ich es mag, ich mag diesen Platz da oben sehr. Aber seht mal selbst…… http://de.wikipedia.org/wiki/Masada

Ich muss nun och zu einem Promotionessen oder wie das heisst und dann den chaotischen Koffer packen und jehhh morgen frueh um 5 Uhr raus und los zum Flughafen.

Bis naechstes Jahr in Jerusalem, lehitraot alle hier.

Jacobs spontane Reaktion auf Deine Mail war: „Komm, schreib Mama auch mal ’nen Brief!“, nachdem er nicht recht begriffen hatte, wie wir jetzt am Nachmittag Post von Dir bekommen haben konnten: „Du hast doch gesagt, die Post aus Israel braucht über ’ne Woche?!“ Naja, heutzutage nicht mehr. Ist vielleicht auch gut so.

War schön, Dich gestern mal gehört zu haben und zu wissen, dass es Dir gut geht, sehr gut sogar in Deinem geliebten Jerusalem. Und dass Du heute den ganzen Tag ans Bein gebunden hast, durch die Altstadt zu schlendern, Dich umzuschauen, Jerusalem, die Unvergleichliche, mit allen Sinnen zu erfassen. All das ist gut zu wissen.

’s Hannele war heute tief traurig, nur mich und die Jungs beim Abholen im Kindergarten zu sehen, nachdem sie ihr Kindergartenfröken, also -fräulein, so verstanden hatte, dass Du gekommen wärst. Sie hat ihr riesige Vorwürfe gemacht: „Men du har sagt att mamma var här!!!!!!!!“ – Aber Du hast doch gesagt, dass Mama hier ist!!!!!!!!!! Und als ich heute sagte, dass Du in zwei Tagen nach hause kommst, brachen hier regelrechte Jubelstürme aus, allen voran Jacob. Du siehst, Du wirst gebraucht. Und das wirst Du umso mehr sehen, wenn Du am Mittwoch Deinen völlig ausgemergelten und verwahrlosten Kindern entgegen trittst, und dann die zu 100% ramponierte Wohnung siehst. Aber so ist das: Ist die Katze aus dem Haus… Naja, ganz so schlimm ist es dann vielleicht doch nicht. Lass Dich überraschen.

So, jetzt muss ich vor den Fernseher und Wäsche legen, den Berg von gestern abarbeiten, damit ich morgen nachmittag die Fussböden wieder frei schaufeln kann – nein, ich mache kein Foto, bin doch kein Paparazzo.

Liebe Grüsse, 1000 Umarmungen und 10000 Küsse von der ganzen Gäng hier

Ja, heute war nur Jerusalem bei mir dran, und das gleich in seiner ganzen altstaedtlichen Vielfalt, und das war gut so.

Und ein Treff mit einem Menschen den es bis dato nur internet(t)maessig gab.

Der arme Mensch hat mit mir viel Einkauferei aushalten muessen und mit mir den ganzen Cardo leergekauft, das heisst, ich, um auch ja Euch, meiner mischpacha, was mitbringen zu koennen. Wir waren wirklich in fast allen Teilen der Old City und es war wie immer spannend, vielfaeltig und ….

Dann bin ich nach einem Augenkauf („Nur fuer Deine Augen, ya habibti, gehe ich runter“ – O-Ton Verkaeufer, ich hab es geschafft, ihn bis auf die Haelfte runter zu handeln, war wahrscheinlich immer noch zu viel, hihi) einer nicht notwendigen aber oberschoenen Tasche, nach diesem Einkauf also bin ich durch den Suk die ganze Nablus Road runter zum Hotel. Oiwawoi, bin ich knuelle jetzt. Heute Abend geht es dann zur Ben Yehuda Eisessen mit einer ehemaligen Mitstudentin, die nun an der Hebrew Uni studiert. Yalla bye…

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