Ein frommer Rabbi wünschte sich, seinem Gott einmal leibhaftig zu begegnen und brachte ihm seine Bitte vor: ‚Jeden Tag komme ich in den Tempel, um dich zu besuchen. Jetzt wäre es mir eine große Freude, wenn du einmal in mein Haus kommen würdest und mich besuchtest.‘
‚Ich komme morgen‘, sagte Gott, ‚mach mir alles bereit‘.


Der fromme Rabbi lief nach Hause und traf die notwendigen Vorbereitungen. Mitten in den Vorbereitungen platzte ein Kind, angelockt vom Duft der Süßspeisen und bat um einen kleinen Kuchen. ‚Morgen bekommst du deinen Kuchen‘, vertröstete der fromme Rabbi. ‚Heute kommt Gott. Geh jetzt, du störst.‘ Doch Gott ließ auf sich warten. Ein Fremder klopfte an. ‚Nein, heute nicht‘, sprach der Rabbi. ‚Morgen kann ich Dir etwas geben. Geh heute zu meinem Nachbarn. Heute kommt Gott. Geh jetzt, du störst.‘

Der Tag verging, aber Gott ließ sich nicht blicken. Als die Spannung fast nicht mehr auszuhalten war, da klopfte ein dreckiger, kranker Bettler an die Tür. ‚Nein‘, scheuchte ihn der Rabbi fort, ‚heute nicht, morgen ist soviel da, wie du willst. Heute kommt Gott. Geh jetzt, Du störst.‘
Aber Gott kam nicht.

Am nächsten Morgen ging der Rabbi voller Zorn in den Tempel und überhäufte Gott mit Anklagen und wütenden Vorwürfen: ‚So oft bin ich zu dir in den Tempel gekommen. Ist es da zu viel, wenn du ein einziges Mal zu mir kommen sollst?‘
‚Was willst du?‘ erwiderte ihm Gott, ‚dreimal war ich da, aber du hast mich nicht erkannt.‘

(Chassidische Geschichte)