Dienstag, 09. Januar 2007


Heute war es wie zukünftig jeden Dienstag, 14.40 Klarinettenunterricht von Yoram, der sich das wünscht und auch talentiert ist. Nun haben wir die ganzen Ferien nicht geübt und ich hatte tatsächlich schon ein kleines schlechtes Gewissen und war auf Schelte von Seiten des sehr netten Klarilehrers in der Kulturskolan vorbereitet. Ich hab dann auch gleich gesagt, ja, diesmal muss ich was erledigen, weil Yoram, diese ehrliche Haut, sagte nämlich sofort: Wir haben nicht geübt, T. Knirsch…. Da ich ja weiss, wie nett schwedische Menschen sind, schon gar ins Angesicht, habe ich gedacht: Egal, du lässt die jetzt alleine! Da ich selber ein bisschen spielen kann, weiss ich ja worum es geht. Ich hab mich dann einfach vor die Tür gesetzt. Ich weiss, ist nicht die feine englische Art, aber ich wollte einfach was anderes noch machen, als dumm rumzusitzen. Nach knapp einer halben Stunde kommt T. heraus und sagt bewundernd: Oh, er spielt so gut, euer Yoram. Nun weiss ich nicht, ob es das typische Loben und Nettsein der Schweden ist oder ob er es ehrlich meint. Vielleicht von Beidem etwas, positiv denken und mehr üben, liebe Mutter, stimmt’s !

Nachdem Yoram und ich fein Pannkakor (ähm, wie heissen die nun auf Deutsch: Eierkuchen, Pfannkuchen, Palatschinken oder was?) essen gegangen sind, naja er, nicht ich (ich hab statt dessen mit einem Fastlagsbulle „gesündigt“ – vgl. Eintrag vom 22. November) haben wir noch schnell ein Geschenk für unsere süsse Extratochter Noomi eingekauft, die gerade ein Jahr geworden ist und Yoram im Namen aller Brüder ein Geschenk fürs Prinzesschen. Kaum zu Hause, König mit Bande schon da, Bande ausgezogen zur Hälfte geduscht, bollibompa an und Abendbrot vorbereitet. Dann trotz fernsehen Geschichte versprochen. Und auch vorgelesen und sogar im Doppelpack, erst die Regierung und dann noch der König. Und das sehr geliebte Buch, jetzt schon der dritte Teil heisst: Olchis – ein unbedingtes Muss für Eltern mit Dreckspatzen, handelt um stinkige eklige liebenswerte Etwasse, die auf dem Müll leben:

Das geheime Olchi-Experiment

Ja, und nun sind sie im Bett, schlafen hoffentlich bald wie die Olchis im Buch, denn der König will, äh, muss wenigstens mal gucken, was für eine Grammatikprüfung er morgen in Deutsch schreibt, auf alle Fälle B-Niveau, und die Regierung geht jetzt Wein mit frischer Ananas sau… geniessen.

… war ja wohl nix: Hannah heult nach Einhorn, Thea und Moses reichen nicht. Noah schläft wohl heut auf’m Klo. König liegt „erschossen“ auf der Couch, und ich gehe jetzt ’ne Runde meckern: So geht das hier nicht. Schlafen – Befehl ausführen, wo sind wir denn hier – ach ja, Cirkus Mischpoke!

Vorerst letzte Meldung von der Cirkusfront: Erfolgreich Babyspinne in Yoris Bett bekämpft!

… gibt es immer neue Geschehnisse in diesem Land , die Dank unsrer Meldepflicht und unsres „Überwachungsstaates“(Personennummer und Sozialamt) eigentlich niemals in so einem Ausmass passieren dürften. Eines davon passierte gestern:

Höggravid rökskadad i jordkällare 

(Hochschwangere Frau mit Rauchschäden im Erdkeller)

Durch Zufall, enddeckte eine Lehrerstudent eine hochschwangere Frau mit ihren 6 Kindern rauchgeschädigt in einem Erdkeller. Die Familie hatte keine Wohnung und der Vater war schon ein paar Tage vorher im Krankenhaus. Nun ist natürlich das Gerede/Gejammere  gross, wie kann sowas passieren und nun soll die Familie, ich hoffe das stimmt, eine Wohnung bekommen. Natürlich ist die Familie aus Irak und man weiss ja gar nicht, wie das passieren konnte. Oh ich weiss schon wie das passiert, da es Mietwohnungen nur schwer gibt und man bis ins Kleinste überprüft wird, ob man den auch passt und Sozialwohnungen gibt es eigentlich überhaupt nicht. (Geht uns im Moment auch so, da wir nicht einen festen Arbeitsplatz haben und noch studieren und Ausländer sind und zuviele Kinder haben bekommen wir auch keine grössere Wohnung und der Wohnungsbetrieb gehört eigentlich der Komune )Die Familie hat um Hilfe gebeten und sich an das Sozialamt sich gewendet, als sie noch bei der Oma zu Neunt in einer Einraumwohnung wohnte, aber niemand schenkte dem Gehör. Als es nicht mehr ging, zogen sie in diesen Erdkeller und versuchten dort Feuer zu machen, damit es nicht so kalt ist.Und haben natürlich durch den Rauch Schaden genohmen. Und sie sind wie sich herrausstellt schwedische Mitbürger. Erst wenn hier das Kind in den Brunnen gefallen ist beginnen die Mühlen zu mahlen, vorher geht sowas ja nicht. Und man will ja auch nicht auffallen und ständig meckern und auf seine Rechte pochen und alles gibts hier auch nur auf Antrag (aber das ist in D bestimmt auch so). Ich hoffe nur das jetzt nicht das Sozialamt der Familie die Kinder wegnimmt, weil die Eltern ja nicht richtig für sie gesorgt haben, das geht hier dann nämlich wieder sehr schnell. Im Moment sind die Kinder alle aufgeteilt auf Pflegefamilien und die Eltern im Krankenhaus.  Ich wünsche mir, dass sie alle schnell wieder zusammen kommen und eine ordentlich Wohnung bekommen und sich auf das neue Baby freuen können. Und bei uns weiss ich leider nur zu genau, dass wenn wir morgen beim Wohnungsbetrieb anrufen, die Wohnung nicht bekommen werden und deshalb werde ich meinen Mund nicht mehr halten und die Leute beim komunalen Wohnungsbetrieb um Tacheles bitten und sie, wenn nötig, beim Diskriminierungsombudsmann anmelden, wozu gibts den hier. Ich zahle von meinem bisschen Geld ,auch vom Elterngeld,  mind.30 % Steuern wie alle anderen und habe durch permanente Aufenthaltsgenehmigung dieselben Pflichten aber auch dieselbenRechte wie ein schwedischer Staatsbürger und diese sollte ich auch einfordern. Ich mag nicht mehr stillhalten und warten.

Radio Schweden

Themen am 20. Oktober 2006

Wachsende Diskriminierung
Insgesamt 900 Anzeigen wegen ethnischer Diskriminierungen gingen im vergangen Jahr beim Diskriminierungsombudsmann Katri Linna ein. Aber die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Nie haben sich in Schweden mehr Einwanderer benachteiligt gefühlt als heute.
Agnes Bührig 

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