Donnerstag, 25. Januar 2007


Wir haben hier so eine Sprüchekiste, aus der man wie bei der Jahrmarktslotterie so Lose ziehen kann. Wenn ich da ab und zu mal reingreife, ziehe ich immer gleich drei Lose ( ja,ja  ich kann nie genug kriegen, siehe Kinderzahl… 😉 ). Heute nun waren alle drei Sprüche unheimlich aufbauend und deshalb will ich sie Euch nicht vorenthalten:

In der Stille reifen die grossen Dinge. Thomas Carlyle

Niemand macht sich um die Welt so verdient wie gute Eltern. Eduard Bellamy

Lege das Ruder erst nieder, wenn das Boot an Land ist. Aus Gabun

so schnell lassen wir uns nicht unterkriegen. Der Jacob will weiter auf die Schule gehn, und wenn wir ihn jetzt wegen der Nichtkommunikation (Sprachlosigkeit) von uns Erwachsenen und Unfähigkeit bzw Spargründen von der Schule nehmen, ist das wie eine Bestrafung für ihn.

Den Jacob müsst Ihr Euch so vorstellen: er ist fast immer gut gelaunt, lacht gerne, ist sehr langsam, unheimlich neugierig, hinterfragt vieles, kann wunderbar mit kleinen Kindern umgehen, ist freundlich und hilfsbereit, sehr mitleidig (auch mit sich selbst), hat eine niedrige Schmerzgrenze, fasziniert oft Erwachsene durch sein offenes Wesen. Er ist auch ein typischer Phlegmatiker, liebt das Essen und die Gemütlichkeit, kann abends nicht gleich einschlafen und versucht, seine verschiedenen Erfindungen aufzumalen, weil Schreiben klappt ja noch nicht, aber Malen und Singen sind auch nicht seine Stärken. Dafür hat er eine gehörige Portion Mutterwitz.

Gestern haben wir nach der ersten Gelähmtheit und Traurigkeit (wir Eltern- nicht Jacob) einiges  jetzt in die Wge geleitet und auch was erreicht. Sowohl sein Scoutleiter (mit dem ich gestern sprach) als auch unser Kinderarzt bestätigen das oben Genannte. Was wichtige ist: sein Stand in der Klasse war und ist sehr schwierig, er ist ja mal von 3 Kerlen (eine Art Gang, von dem einen die Mutter sagte geradezu, sie könne gar nichts machen, über ihre 3 Jungs meckere sowieso jeder) sehr geärgert wurde, was wohl aufgehört hat, aber dafür schneiden ihn wohl die meisten in der Klasse, seine Lehrerin bezeichnet ihn als unsozial (war ich übrigens dann auch, da ich als Lehrerkind keinen leichten Stand in der Klasse hatte und auch völlig andere Interessen und viel für mich alleine war, komisch, jetzt bin ich eher zu sozial, habe eine grosse Familie …) und für sie ist er durch seine Langsamkeit ein Störfaktor in der Klasse. Uns reicht es jetzt aber, dass wir nie hospitieren können , weil nie  die richtige Zeit ist, und wir nie zum Elterngespräch geladen werden, wo doch der Junge so schlecht in der Schule ist (Versetzungsgefährdung gibt es hier nicht). Und so haben wir nächste Woche ein gefordertes Gespräch unsrerseits mit dem Specialpädagogen (der Jacob irgendwelchen Tests vor Jahreswechsel unterzogen hat und uns noch nicht ein bisschen informiert hat) und auch der Klassenlehrerin. Unser Freund versucht, einen Freund zu erreichen, der seines Zeichens Kinderpsychiater ist und der sich Jacob mal „angucken“ soll. Hier nutzen wir jetzt mal unsre Beziehungen (macht in Schweden jeder, weil so kommt man am schnellsten zu was, besonders an Jobs – die schlimmste Strafe in Schweden ist dieselbe wie i der DDR: 3 Jahre o.B. – 3 Jahre ohne Beziehungen), denn der Arzt hat wohl jahrelange Wartezeiten. Jacobs Ohrenarzttermin ist ja auch schon wieder nach Ultimo verschoben worden. Und was für uns das Wichigste ist, wir üben ganz konsequent zu hause jeden Tag Deutsch (ich weiss, er müsste Schwedisch machen, aber es ist nicht meine Muttersprache und er lehnt Schwedisch auch ein wenig ab, er will Dänisch lernen und kann auch ein bisschen) und zwar mit Hilfe von Heften für Dyxlektiker. Es ist zwar überhaupt noch nicht erwiesen, das er Dyslexie hat, aber er hat genau die Symptome, das heisst, er merkt sich die Buchstaben über Bilder oder Personen, z.B., das N ist für ihn Noah (sein Bruder), H-Hannah. Gestern Abend um 9 kam er aus dem Bett und zeigte mir wieder eine Flasche, wo er rausgefunden hat, wda drauf steht: Amor (mein Spray), und da hab ich gleich noch 6 Wörter mit ihm lesen geübt, so nebenbei fast im Halbschlaf (er nicht ich), hat er dann Meer, Omi, Opa, Wanne, Badewanne und ich lesen können, sehr langsam, aber es ging. Der König macht ab nächste Woche den Kurs an der Uni, der Lese-und Rechtschreibeschwäche im Kindersalter behandelt und hat dann gleich noch nebenbei 5 Punkte, wenn er ihn abschliesst. Ihr seht also, wir sehen wieder ein Lichtlein…

Draussen scheint das grosse Licht,die Sonne, durch die Schneedecke ist alles viel heller und ich kann wieder besser atmen.

So und nun muss ich auch noch andere Sachen machen, wie gut aber, dass heute ein bisschen Luft ist und ausserdem kommt noch Lotta-Sophie nach hause und alle freuen sich riesig. Ich gehe nachher erstmal, sie vom Zug abholen und vor ihrem Arzttermin schön Kaffeetrinken, denn so ganz nebenbei ist auch unser CSN (Bafög) bewilligt worden und so können wir sowohl alle Rechnungen bezahlen, das alte Auto aus der Werkstatt auslösen, wo es seit Weihnachten steht, weil wir bisher die Rechnung für die kleine Reparatur, die ja dennoch bei VW ’nen Vermögen kostet, nicht bezahlen konnten und es endlich, als Ersatzteilspender, verkaufen, gut überleben als auch Kaffetrinken ausser der Reihe in einem Café. Und vielleicht sogar noch fürstlich mit dem König irgendwo anders speisen, das erste Mal seit Menschengedenken! Carpe diem!