Januar 2007


so schnell lassen wir uns nicht unterkriegen. Der Jacob will weiter auf die Schule gehn, und wenn wir ihn jetzt wegen der Nichtkommunikation (Sprachlosigkeit) von uns Erwachsenen und Unfähigkeit bzw Spargründen von der Schule nehmen, ist das wie eine Bestrafung für ihn.

Den Jacob müsst Ihr Euch so vorstellen: er ist fast immer gut gelaunt, lacht gerne, ist sehr langsam, unheimlich neugierig, hinterfragt vieles, kann wunderbar mit kleinen Kindern umgehen, ist freundlich und hilfsbereit, sehr mitleidig (auch mit sich selbst), hat eine niedrige Schmerzgrenze, fasziniert oft Erwachsene durch sein offenes Wesen. Er ist auch ein typischer Phlegmatiker, liebt das Essen und die Gemütlichkeit, kann abends nicht gleich einschlafen und versucht, seine verschiedenen Erfindungen aufzumalen, weil Schreiben klappt ja noch nicht, aber Malen und Singen sind auch nicht seine Stärken. Dafür hat er eine gehörige Portion Mutterwitz.

Gestern haben wir nach der ersten Gelähmtheit und Traurigkeit (wir Eltern- nicht Jacob) einiges  jetzt in die Wge geleitet und auch was erreicht. Sowohl sein Scoutleiter (mit dem ich gestern sprach) als auch unser Kinderarzt bestätigen das oben Genannte. Was wichtige ist: sein Stand in der Klasse war und ist sehr schwierig, er ist ja mal von 3 Kerlen (eine Art Gang, von dem einen die Mutter sagte geradezu, sie könne gar nichts machen, über ihre 3 Jungs meckere sowieso jeder) sehr geärgert wurde, was wohl aufgehört hat, aber dafür schneiden ihn wohl die meisten in der Klasse, seine Lehrerin bezeichnet ihn als unsozial (war ich übrigens dann auch, da ich als Lehrerkind keinen leichten Stand in der Klasse hatte und auch völlig andere Interessen und viel für mich alleine war, komisch, jetzt bin ich eher zu sozial, habe eine grosse Familie …) und für sie ist er durch seine Langsamkeit ein Störfaktor in der Klasse. Uns reicht es jetzt aber, dass wir nie hospitieren können , weil nie  die richtige Zeit ist, und wir nie zum Elterngespräch geladen werden, wo doch der Junge so schlecht in der Schule ist (Versetzungsgefährdung gibt es hier nicht). Und so haben wir nächste Woche ein gefordertes Gespräch unsrerseits mit dem Specialpädagogen (der Jacob irgendwelchen Tests vor Jahreswechsel unterzogen hat und uns noch nicht ein bisschen informiert hat) und auch der Klassenlehrerin. Unser Freund versucht, einen Freund zu erreichen, der seines Zeichens Kinderpsychiater ist und der sich Jacob mal „angucken“ soll. Hier nutzen wir jetzt mal unsre Beziehungen (macht in Schweden jeder, weil so kommt man am schnellsten zu was, besonders an Jobs – die schlimmste Strafe in Schweden ist dieselbe wie i der DDR: 3 Jahre o.B. – 3 Jahre ohne Beziehungen), denn der Arzt hat wohl jahrelange Wartezeiten. Jacobs Ohrenarzttermin ist ja auch schon wieder nach Ultimo verschoben worden. Und was für uns das Wichigste ist, wir üben ganz konsequent zu hause jeden Tag Deutsch (ich weiss, er müsste Schwedisch machen, aber es ist nicht meine Muttersprache und er lehnt Schwedisch auch ein wenig ab, er will Dänisch lernen und kann auch ein bisschen) und zwar mit Hilfe von Heften für Dyxlektiker. Es ist zwar überhaupt noch nicht erwiesen, das er Dyslexie hat, aber er hat genau die Symptome, das heisst, er merkt sich die Buchstaben über Bilder oder Personen, z.B., das N ist für ihn Noah (sein Bruder), H-Hannah. Gestern Abend um 9 kam er aus dem Bett und zeigte mir wieder eine Flasche, wo er rausgefunden hat, wda drauf steht: Amor (mein Spray), und da hab ich gleich noch 6 Wörter mit ihm lesen geübt, so nebenbei fast im Halbschlaf (er nicht ich), hat er dann Meer, Omi, Opa, Wanne, Badewanne und ich lesen können, sehr langsam, aber es ging. Der König macht ab nächste Woche den Kurs an der Uni, der Lese-und Rechtschreibeschwäche im Kindersalter behandelt und hat dann gleich noch nebenbei 5 Punkte, wenn er ihn abschliesst. Ihr seht also, wir sehen wieder ein Lichtlein…

Draussen scheint das grosse Licht,die Sonne, durch die Schneedecke ist alles viel heller und ich kann wieder besser atmen.

So und nun muss ich auch noch andere Sachen machen, wie gut aber, dass heute ein bisschen Luft ist und ausserdem kommt noch Lotta-Sophie nach hause und alle freuen sich riesig. Ich gehe nachher erstmal, sie vom Zug abholen und vor ihrem Arzttermin schön Kaffeetrinken, denn so ganz nebenbei ist auch unser CSN (Bafög) bewilligt worden und so können wir sowohl alle Rechnungen bezahlen, das alte Auto aus der Werkstatt auslösen, wo es seit Weihnachten steht, weil wir bisher die Rechnung für die kleine Reparatur, die ja dennoch bei VW ’nen Vermögen kostet, nicht bezahlen konnten und es endlich, als Ersatzteilspender, verkaufen, gut überleben als auch Kaffetrinken ausser der Reihe in einem Café. Und vielleicht sogar noch fürstlich mit dem König irgendwo anders speisen, das erste Mal seit Menschengedenken! Carpe diem!

Ich habe gerade mit Jacobs Lehrerin gesprochen, zwischen Tür und Angel hat sie mich angesprochen. Sie will, dass Jacob einen WISC-Test macht, weil er allgemein in der Klasse hinterher hängt und keine sozialen Kontakte pflegt, nicht nur nicht in seiner Klasse, sondern jetzt wohl auch darüber hinaus – das hatte er uns ja mal selbst bestätigt. Sie sagt, dass es nicht nur das Lesen und Schreiben sei, sondern auch das Rechnen, dass er sich schlecht erinnern könne, z.B., die Dreierreihe nicht beherrsche usw. Wir möchten bitte zu hause mit ihm üben, die Hausaufgaben machen usw. Ich habe sie gebeten, spezielle Hausaufgaben für ihn mitzugeben, damit wir wissen, was wir tun sollen, worauf es ankommt. Weiss nicht, ob sie das tun wird.

Sie haben jetzt die Uhr behandelt, wir sollen auch da mit ihm üben, was wir ja auch schon punktuell ein bisschen gemacht haben. Ein Elterngespräch ist im Moment nicht in Aussicht, erst will sie ein Ergebnis des WISC-Testes haben. Das alles hätte so lange gedauert, weil so viele Instanzen in die ganze Geschichte einbezogen waren, Salomon (unser Kinderarzt), SKED (die Dyslexiespezialabteilung, die aber die Untersuchung wieder auf Eis gelegt hatte, nachdem sie keine Zuarbeit bekommen hatte), Röst- och talvård (das Stimm- und Sprachzentrum, die eigentlich eine Gehöruntersuchung hätten machen sollen, aber irgendwas falsch verstanden hatten, weil wir nicht mehr mitbekommen hatten, wie wir nun eigentlich zu ihnen gekommen waren und damit eine falsche Fährte gelegt hatten), Hans A. (der in der Schule war und Untersuchungen mit Jacob angestellt hat, kein Psychologe, wir wissen nicht genau, wer er ist), die Schulschwester, nun also auch noch BUP (die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die den WISC-Test machen soll) – und die rechte Hand nichts von der linken wusste, mit anderen Worten: Wir drehen uns im Kreis, weil letztlich keiner mehr durchsieht, was schlussendlich daher rührt, dass keiner mit jemandem spricht, jedenfalls nicht, bevor etwas unternommen wird – wir wohl eingeschlossen.

Ausserdem meinte sie, er hätte geäussert, kein Schwedisch lernen zu wollen und hätte gemeint, wozu ihm das denn nütze sein sollte…

Vielleicht sollten wir uns auf den WISC-Test einlassen. Danach wissen wir mehr. Sicher scheint mir jedenfalls zu sein, dass er einen Assistenten braucht, das können wir selbst nicht sein, mit uns verbindet er Deutsch als Umgangssprache. Der Assistent hier muss Schwedisch mit ihm sprechen und entsprechend ausgebildet sein. Oder vielleicht sollten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, ihn umzuschulen – in eine Hilfsschule – weiss gar nicht ob es hier sowas gibt, wenigstens ’ne gewisse Zeit, damit der Druck weg geht.

Oh bitte, wer kann helfen.Yoram liebt, seit er vier Jahre alt war, Geparde. Fragt mich nicht warum, er liebt sie einfach und hat die beiden Schleich-Geparde, einen riesengrossen Plüschgepard und einen kleinen, damit er den grossen nicht immer mit sich rumschleppt, und er hütet sie wie seinen Augapfel, und er hat ein Plakat aus einer alten Geolino, das schon 3mal mit umgezogen ist, aber seit neustem definitiv kaputt ist. Nun hatte ich fast einen Kalender von Geolino für 2007 mit Tierkindern drauf, u.a. Gepardenjunge – und da kommt eben die Mail: leider ausverkauft. Mist. Und ich hatte mich so gefreut, seine Traurigkeit wegzaubern zu können und den weissen Fleck überm Bett mit diesem schönen Kalender ausfüllen zu können. Am schlimmsten ist die heimliche Traurigkeit von Yoram. Unser Yori leidet ja leider immer sehr im Leisen und sehr lange, und das macht mich traurig, warum hält so ein Plakat nicht ewig…

Also, wer von Euch, so ein Gepardplakat zu Hause hat und nicht braucht, hier gibt es einen Jungen der würde sich riesig freuen. Danke.

… und die Kinder, die heute schon zu hause sind, freuen sich da draussen riesig: blinkende Augen, rote Wangen und ein Gewusel auf unserm klitzekleinen Rodelberg direkt vor meinem Arbeitszimmerfenster (siehe Bild weiter unten). Dazu kommen von oben dicke weisse Flocken, ganz langsam aber dicht an dicht vom Himmel, wie gut, dass Frau Holle so fleissig ist. Die Kinder freut’s riesig. Oh, jetzt geht gerade eine Schneeballschlacht drei gegen Yoram, jaja, so ist es, wenn man provoziert… Weniger freut der Schnee den Vater König, denn der ist in Hjärup bei seinen Deutschschülern, da wird heute bestimmt auch Schnee das Thema sein. Na ’ne Stunde lass ich die noch draussen, die werden bestimmt wunderbar schlafen heute abend. Jetzt gibt’s gleich noch warmen Kakao und Schokokuchen und dann können sie noch kuscheln und statt Pumuckl vorlesen heute Pumuckl gucken. Mann, sind die da draussen in dem Schneegestöber aktiv. Hannah brüllt ab und zu mal, weil die Jungs sie nicht immerzu mitnehmen bei der Fahrt in die „Tiefe“. Und alleine will sie wohl nicht. Lustig und warm ist es, hier drinnen zu sitzen und zu beobachten. Oh, an die Vögel müssen wir noch denken. Das Kaninchen hat doppelt Heu drin und hat es dadurch warm. Und heute Abend wird wohl auch die zweite Elternversammlung ausfallen, zu der gestern bin ich wegen Glatteis nicht gewesen und genauso haben die anderen Eltern das getan, die arme Lehrerin war ganz alleine. Klariunterricht ist heute auch nicht, da werde ich am frühen Abend mal meine Kenntnisse wieder auspacken und mit ihm üben, dem Yoram, während der König seine Lehrtätigkeit bei Jacob ausweiten darf, macht er ja sowieso. Oh, nun muss ich die Prinzessin retten. Die Jungs sind gemein, heult sie, und jetzt heult alles… und jetzt ist wieder alles ok. Uff, am besten vier Schlitten von derselben Sorte.

Nun versuchen wir schon seit langem, dass endlich seine Lernschwierigkeiten untersucht werden. Aber im Moment haben wir das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Die Sprachuntersuchung ist abgebrochen worden, da die Schule angeblich nichts geschickt hätte über eine Untersuchung von der Schulseite. In der Schule war jemand, der ihn untersucht hat, also Teste gemacht hat, aber wir wissen bis heute nicht , was der genau gemacht hat und was er für einer ist, wohl anscheinend kein Schulpsychologe. Er redete ja nicht mit uns, nur im Vorbeigehen. Alle und jeder denkt, ach, das geht von anderer Seite, nur Jacob und wir sitzen hier und wissen genau: es geht nicht weiter. Bis man irgendwo einen Termin bekommt, dauert es hier in Schweden entweder Jahre oder man wird fast bis nach Umeå geschickt, naja nicht ganz soweit. Obwohl wir als Universitätsstadt eine gutes Kinderkrankenhaus und alles mögliche haben. Sch… Ärztemangel. Jetzt sagt wieder einer in der Schule, er hätte bestimmt ADHD, aber das, was wir mit unserm laienhaften Wissen aus verschiedenen Büchern und Studien herauslesen konnten, ist, dass alles auf Dyslexie hinausläuft. Da aber alles viel Zeit und Geld kostet, macht einfach keiner was von offizieller Stelle.  Jetzt will die Schule vielleicht einen neuen Test machen, der so heisst: HAWIK-IV (in D), hier WISC (nach dem amerikanischen Vorbild, naja, wie konnte es auch anders sein…).  Anstatt erst mal das eine zu Ende zu machen, sodass man Dyslexie ausschliessen kann. Echt, ich bin so sauer und werde jetzt direkt bei der Dyslexiemottagning (ach, was heisst das auf deutsch: ich glaub Beratungsstelle oder Behandlungsstelle) anrufen. Es kann doch nicht sein, das tausend Dinge angefangen werden und nichts, aber auch nichts richtig zuEnde geführt wird und mit uns mal gesprochen wird, sprachlose Gesellschaft hier. Da bekommt der Junge Spezialunterricht der ihm nichts bringt und er nur traurig ist, dass die Klasse inzwischen Deutsch hat, das Fach, wo er nun mal glänzen kann. Da ist das, was wir zu hause machen noch besser und er springt drauf an, nämlich das bildhafte Lesen – und genau das deutet auf Dyslexie hin und wir haben schon ein Dyslexiekind, unsre Jule – überdurchschnittlich begabt aber Rechtschreibeschwäche im Deutschen.

Was sollen wir bloss machen, man guckt uns schon schief hoch drei an, weil wir so fordernd sind. Alles muss hier in Schweden lagom, gleich sein, dann funktioniert es. Mist.

So, jetzt versuch ich da mal anzurufen und dann räum ich das Arbeitszimmer auf und lege Wäsche, denken kann ich nicht im Moment, ich bin sauer.

…unser schönes selbstgeschossenes Regenbogenbild (Headerbild) ist weg, geklaut oder vielleicht taucht es ja wieder auf. Nun gut ich verschwinde jetzt wie der König im Bette und morgen früh gehts weiter. Gut´s Nächtle…

Unabhängig voneinander sassen wir beide vor unterschiedlichen Computern und haben an das selbe gedacht und ungefähr das selbe getan. Passiert uns öfter mal, man solle sich also nicht wundern, wenn es hier manchmal aussieht, als würde alles doppelt erzählt werden.

Aber nochmal zum Schnee: So sah es bei uns im März vorigen Jahres vor unserer Wohnungstür aus, und ungefähr so sieht es jetzt wieder aus.

Blick aus dem Küchenfenster, März 2006

PS: Das Rumpelstilzchen auf dem Bild muss wohl Noah sein…

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