… ja, wiedermal haben wir einen Tritt in den Allerwertesten hinnehmen müssen, was heisst hinnehmen, wir haben ihn nämlich nicht hingenommen. Man ist ja in Schweden fast niemals gerade heraus, sondern redet oder handelt oft hinterm Rücken. Man lächelt freundlich und reicht dir im selben Moment dein Todesurteil. Man kritisiert niemals und verlangt auch von dir, dass du das gefälligst nicht tust. Wenn etwas nicht ok ist, dann sagt man das demjenigen, den es betrifft, nicht direkt ins Gesicht, weil da müsste man ja sein eigenes zeigen, sondern, wie es gerade wieder uns passiert ist, man meldet den „Schuldigen“ direkt entweder bei der höheren Instanz oder bei der Polizei (wenn man hier jemanden anmelden will, so macht man das normalerweise nicht beim Vorgesetzten, sondern gleich bei der Polizei) oder aber beim Sozialamt an – ja, und da haben wir wieder eine solche Kniffligkeit deutsch-schwedischer Befindlichkeit: att anmäla kann nämlich alles Mögliche heissen, sich über jemanden beschweren, über jemanden Mitteilung machen (bei einer höheren Instanz) oder jemanden anzeigen (bei der Polizei), wobei letzteres eben auch bei Nichtigkeiten geschehen kann. Und bei uns: Wir werden gerade von unserm Vermieter, einer Stiftung StudentenWohnung, angemeldet beim Sozialamt.

Es kam also folgender Brief: Es seien mehrere Klagen gekommen (ja, leider nicht direkt zu uns), dass Sachen vor unserer Wohnung stünden, was ja auch der Fall ist, und hinterm Haus auf der Rasenfläche mehrere Balkonkästen mit Erde, was ebenfalls der Fall ist, beides nicht erst seit gestern, sondern seit fast einem Jahr. Und wenn sich das nicht sofort ändern würde, dann würde der Mietvertrag gekündigt und wir rausgeworfen. Nun steht vor unserer Tür schon so einiges rum, wie zum Beispiel eine Sitzbank und darauf oft die Sachen, die die Kerle irgendwo sammeln oder basteln, dann noch eine bunte Kiste mit Sandspielzeug und ein Sack mit Bällen, wohl gemerkt direkt vor unserm Fenster und niemandem im Weg, höchsten Dieben, die keinen direkten Zuweg zum Fenster haben. Als wir uns bei unserm Wohnungsmenschen (bovärd, wird gern ins Englische mit Landlord oder Cartaker übersetzt) telefonisch über diesen Brief beschwerten, wusste der nichts zu sagen, weil es ihm schon peinlich war, das er es nicht vorher schon mal gesagt hat, Betonung liegt auf gesagt, das und das passt mir nicht, aber zugeben konnte er das natürlich auch nicht – ein echter Schwede gibt nicht zu, wenn er hinterfotzig ist, kann er ja auch nicht, weil ja das ein Wesenszug des Schweden an sich ist. Und er meinte dann auch nur, ja, aber das Kaninchen von Jacob in einem schönen grossen Stall (auch niemandem im Weg, steht auf unserm Aussenplatz vor der hinteren Tür) würde Ratten anziehen. Hää? Ein Kaninchen, jede Woche saubergemacht, mit keinem Futter frei rum liegend, wie soll das denn Ratten anziehen, woher? Das im Keller Mäuse sind, das interessiert die Vermieter nur am Rande und auch nur deshalb, weil wir mit unserem Hauswirt dann doch trotz aller Ungemach noch einigermassen Glück haben. Dass bei anderen eine riesiges Trampolin steht, ist auch egal, ein Sandkasten bei jemand anderem mitten auf dem Rasen, auch egal, es sind ja nun gerade wir, die sie auf dem Kieker haben, aber die anderen sind bestimmt auch irgendwann dran. Das der angeblich neue Rasen kaputt ist durch das ewige Mähen und völlig vermost ist, das ist egal und dass wir die Kästen ja bepflanzen wollen und an die unbegrasten Stellen stellen, interessiert nicht. Um das heraus zu kriegen, hätte man ja mit den Leuten reden müssen. Oh, pfui, reden, und dann auch noch ehrlich, nee, nee, nee! 

Ok, wir haben allen Jungsbastelmist weggeworfen, gefegt und frühlingsfein gemacht schon heute, was wir ansonsten sowieso bald gemacht hätten, und die Blumenkästen stehen jetzt so, wie sie bei anderen auch stehen, nämlich direkt am Haus im ewigen Nachmitagsschatten, wehe, jemand sagt da was, dann will ich, dass die mit uns rumgehen und alles andere auch wegkommt. Nein, das wäre gemein. So, und nun hat der König gleich noch beim Telefonat bescheid gesagt, das sie uns gerne beim Sozialamt melden können, aber sie brauchen es auch nicht zu tun, weil wir das selbst machen werden, dann kriegen wir ja vielleicht eine grosse Wohnung, weil offiziell will man in Schweden davon wegkommen, das grosse Familien so beengt wohnen müssen, laut Boverket, der staatlichen Instanz, die fürs Wohnen zuständig ist, braucht ene vierköpfige Familie mindestens eine Vierraumwohnung, um nicht als beengt wohnend zu gelten. Na, dann mal her mit der Siebenraumwohnung! Für uns, die vier Kleinsten und Lotta. Wir werden jezt aber auch endlich mal diese blöden AF-bostäder, so heisst der Laden, anmelden, wegen zuwenig Waschzeiten, wegen kaputter Spielzeuge auf dem Hof und auf alle Fälle wegen Hunde- und Katzenscheisse in der Sandkiste, grr, Noahs Anzug stank furchterrregend, das letzte Mal.

Das nervt! Und all diese A……..er wollen, dass unsere Kinder ihnen irgendwann mal die Rente finanzieren! Nichts da! Die werden eigenhändig emigriert!

Wenn ich etwas hasse, ist es dieses unehrliche Freundlichtugehabe und diese Kritiklosigkeit. Man kann wohl auf mich zukommen und sagen, Du könntet Ihr nicht mal ein bisschen frühlingsfein machen vor der Tür und einiges wegtun. Es wird immer noch nicht genug sein, was wir gemacht haben,  gefegt und Blumen vor der Tür, nein weg mit allem Schönen und wozu Kinderspielzeug in einer bunten Kiste, wozu eigentlich Kinder? Am besten ab in Stödfamilien (Pflegefamilien) und da ist man sehr schnell hier besonders bei Ausländern, sollen doch alle bitte schön gute Schweden werden, genau solche biederen nichts sagenden Krämerseelen, wie die anderen acht Millionen. Leider jedoch vergessen die Sozialämtler oft die Kinder, die wirklich gefährdet sind und deren Familien. Wie das? Weil man sich mit Nichtigkeiten beschäftigt.

Die traurigen Augen der Jungs, als ich die selbstgebauten Kameras , Schwerter,…. alles wegschmeissen musste, denn wo sollen wir denn hin damit, draussen dürfen sie nicht mehr sein und drinnen ist kein Platz. Aber sie dürfen neue basteln und dann werden wir sehen, was nächstes mal passiert. Ich glaub unsere Kinder sind Abkömmlinge der Olchis.

Und morgen rufe ich den Mieterverbund, auch so ein gleich geschalteter Jasagerklub, aber man gibt ja die Hoffnung nicht auf(!) , an und melde AFbostäder beim Diskriminierungsombudsmann an, und das Sozialamt bekommt den Brief gleich von uns mit einer Anfrage, ob man nichts anderes zu tun hat als wegen soetwas angemeldet zu werden.

Ja, das ist auch Schweden, ein heisser Aufguss von der DDR, nicht bloss Pippi Langstrumpf und weite schöne Lanschaften und saubere Städte mit immer freundlichen, aber eben, wie wir nunmehr gelernt haben, hinterfotzigen Menschen. Schweden ist z.B. auch, dass viele Kinder wegen unbezahlten Schulfotos beim Kronofogden (so eine Art Geldeintreiber mit Schufakompetenz) landen und damit, wenn sie 18 sind, mind 3 Jahre lang keine Wohnung bekommen und kein Telefon, von einem Kredit mal ganz zu schweigen. Es gibt also hier wie überall dunkle Seiten, und ich habe keine Lust, mich so anzupassen, dass ich genauso handle und statt offen und ehrlich zu sein, hinter dem Rücken die Leute anschwärze.